5
Nov
2012
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Nostalgierausch! Möbel mit Turner-Charme

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Ich bin im Nostalgie-Rausch!

Gestern habe ich Andreas Gröbel getroffen. Das ist ein Karlsruher Möbel-Designer, der sich für sein Label „Zur schönen Linde“ alte ausgediente Geräte aus der Turnhalle schnappt und sie umfunktioniert. Der Mann bringt den Angstschweiß aus unserer Schulzeit in die Wohnwelt! …und das verbrämt mit einem Nachhaltigkeitsgedanken, den ihm geht es darum aus ALT einfach NEU zumachen. Statt immer und immer wieder frische Dinge zu kaufen, will er die Menschen dazu anregen, Dinge mit Geschichte zu schätzen, in neuem Licht zu sehen und so die Welt ein kleines bisschen müllfreier und persönlicher zu machen. Gut für die Dinge und gut für die Natur – wie sympathisch!

Frisch, fromm, fröhlich, frei!

So wollte Turnvater Jahn seine Schäfchen schon im 19. Jahrhundert mit Barren und Reck sehen. Der umstrittene Urvater der Leibesübung, der Erfinder des Geräteturnens: Sein Geist weht jetzt auch durch die Möbelwelt. Mit einer Art Einrichtungs-Zirkeltraining. Liebenswert, charmant, originell und schick – wobei der Style dann doch eher in ein Loft passt oder in eine lässige Bar, als in ein kleines vollgestopftes Wohnzimmer. Die Möbel von Gröbel sind Lifestyle-Objekte, keine Einrichtungsgegenstände der normalen Art. Der Designer zähmt das Pauschpferd in seiner Karlsruher Werkstatt und legt es frech und schnittig tiefer zu einem Sitzhocker. Er macht aus Reck und Barren eine Nightlife-taugliche Bar und packt den Sitzhocker in güldenes Schlangenledergeprägtes Kunstleder. An seinen Möbeln haftet ein zarter Geruch von Leder, Holz, Schweiß und Tränen. (im übertragenen Sinn natürlich, da müffelt nichts, da ist alles edel und hochpoliert) Meine Emotion in der Sportstunde früher war vor allem Angst…kurz vor dem Gang zum ledernen Schafott – dem Sprungkasten. Ich wusste – komme, was wolle – da muss ich drüber! Gefühlt wurde der Holzturm immer höher und höher, umso näher die Reihe vor mir an das Sprungbrett rückte. Daneben die Turnlehrerin, die gefühlt Fräulein Knüppelkuh-artige Ausmaße erreichte. Der Inbegriff der Horror-Lehrerin aus Roald Dahls Klassiker „Mathilda“. Die Erinnerung daran holt Alexander Gröbel jetzt also in unsere Wohnzimmer – Einrichtung im Sportler Stil. Der Designer zweckentfremdet die Angstgeräte unserer Jugend und baut daraus seine schrägen Wohnobjekte. Edel-Recycling mit einer Botschaft! Ein Aufruf gegen die Wegwerfgesellschaft und deswegen auch so sympathisch.

Gröbel trägt, wie so viele Menschen selbst eine Geschichte mit sich herum und entwirft vermutlich auch deswegen Möbel mit Geschichte. Nach einem Bruch in seinem Leben, hat er radikal umsortiert. Vor drei Jahren hat er sich selbständig gemacht. Und vertreibt seitdem mit seinem Label „Zur schönen Linde“ nachhaltig produzierte Vintage-Hocker, Regale und Schränke. Für den Sitzwürfel „Cube“ zum Beispiel nimmt er alte Turnmatten, lässt das Innenleben zu einem Quader vernähen und die alte Matte in eine viereckige Form pressen, so dass der bekannte Turner-Look erhalten bleibt. Alte Dinge erhalten in dem man sie in ein neues Licht rückt, das ist das schöne und interessante Konzept hinter der schönen Linde. Seine Möbel sind deutschlandweit gefragt, Architekten, Designer, Gastronomen – seine Kundschaft sind Individualisten. Müssen sie aber auch! Die Wohnobjekte sind nichts für den klassischen Möbelhausbesucher mit Reiheneckhäuschen. Keine glatten gefälligen Stücke, sondern extreme Möbel mit dieser speziellen Turnhallen-Patina. So wird er von Andreas nochmal aus der Mottenkiste geholt und entstaubt, der gute alte Turnvater Jahn, als mobiliares Zitat für Designliebhaber! Frisch, fromm, Fröhlich frei für die Möbelwelt!

Alles Liebe,

Eure nachhaltig-inspirierte Petra

 

Interview mit dem Meister der Turngeräte:

Petra von Hollightly: Angstschweiß, den hat es Generationen von Schülern auf die Stirn getrieben, beim Anblick von Turnmatte und Sprungkasten und jetzt machen Sie Möbel daraus – ist die Emotion auch die Botschaft?

Andreas Gröbel: Klar, viele Menschen, haben einen Bezug dazu – ob der jetzt negativ oder positiv ist, sei dahingestellt – er ist einfach da und sie verbinden eine Emotion damit. Ich beobachte das sehr oft, wenn die Menschen hier reinkommen oder ich eine Ausstellung habe, wie die Menschen darauf zu gehen – lächelnd. Da weiß ich noch nicht, ob sie gute Turner waren oder ob es ein nicht so guter Turner war – aber alle haben sie eine Emotion und das finde ich interessant.

Petra von Hollightly: Aber es geht Ihnen auch um die Nostalgie? Dinge mit einer Geschichte, mit einer Patina, wieder ins Leben zurückzuholen?

Andreas Gröbel: Ich denke, eine Leistung muss einen Wert haben und wenn sie einen Wert hat, dann wird sie nicht so schnell weggeworfen. Was hat schon Wert bei Ikea? …und ich glaube, das ist bei meinen Sachen doch wesentlich anders – ich setze sie in einen Kontext und das sehen viele Menschen auch und nehmen diese Atmosphäre war und das denke ich versuche ich mit meiner Geschichte auch ein bisschen zu kompensieren.

Petra von Hollightly: Also eine Art Anarbeiten gegen den Drang zum Niegelnagelneuen, zum wegwerfen? Immer der neueste Laptop, immer das neue Möbel… Der Kampf gegen das entsorgen, statt zu bewahren?

Andreas Gröbel: Es ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft – eine Wegwerfgesellschaft. Die Sachen, die ich hier aufbereite, sind Dinge, die im Ursprung weggeworfen werden. Und ich reduziere hier alles, was Müll betrifft, auf ganz wenig. Das heisst, alles was ich abschneide, absäge oder abziehe, sammle ich, verwerte ich und lasse ich in ein anderes Möbel, wieder einfließen.

Petra von Hollightly: Aber warum gerade alte Turnmöbel?

Andreas Gröbel: Es geht um Gefühl, um etwas Besonderes und auch etwas was nicht perfekt sein muss, was ein Leben hat, was eine Geschichte hat, was spürbar und sichtbar auch eine Patina hat und damit komme ich klar und finde, dass in der heutigen Zeit wo alles immer so perfekt sein muss, auch eine ganz gute Sache zu sagen – es ist in Ordnung, so wie es ist – mit den Beschädigungen, mit dem Zustand, so wie ich es eben vorfinde.

Petra von Hollightly: Danke, Andreas, für das Interview!

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4 Responses

    1. Ich auch! Die Angst vor dem Sprungkasten war enorm – aber vielleicht ist das Möbel dann eine ideale Konfrontationstherapie gegen die Ursportlichen Ängste der Jugend

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